Arbeitswelt und Gewerkschaften
Im Jahr 2025 begehen Deutschland und Israel den 60. Jahrestag ihrer diplomatischen Beziehungen. Aus einem schwierigen Anfang, geprägt von den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands, ist in sechs Jahrzehnten ein dichtes Netz an politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Kontakten entstanden. Ein herausragendes Beispiel für diese gewachsene Nähe ist die Partnerschaft zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem israelischen Gewerkschaftsbund Histadrut.
Das Partnerschaftsabkommen zwischen der Histadrut und dem DGB besteht seit nunmehr 50 Jahren – ein halbes Jahrhundert gelebter Solidarität, die bis heute von einzigartiger Bedeutung ist. Seit der Unterzeichnung des Partnerschaftsabkommens am 3. September 1975 in Düsseldorf, sind die Beziehungen stetig gewachsen – in der Breite wie in der Tiefe. Die Zahl der gegenseitigen Besuche seit 1975 lässt sich kaum zählen. Neben den institutionellen Kontakten sind viele persönliche Freundschaften entstanden, die weit über die offiziellen Begegnungen hinausreichen. Heute lässt sich sagen: Aus der Partnerschaft ist eine echte Freundschaft geworden, und diese zeigt sich vor allem dann, wenn sie auch in schwierigen Zeiten Bestand hat. Der schreckliche Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der sich anschließende Krieg sind ein solcher Moment. Die antisemitischen Äußerungen und Handlungen, die seither in vielen Teilen der Welt – auch in Deutschland – zunehmen, erfüllen uns mit großer Sorge. Für den DGB ist das ein klarer Auftrag, sich weiterhin entschieden gegen Antisemitismus und rechtsextreme Hetze zu stellen. Die Histadrut wiederum setzt sich in Israel für den Schutz demokratischer Strukturen und sozialer Rechte ein – gerade in Zeiten, in denen diese unter starkem Druck stehen.
Unsere Partnerschaft fußt auf gemeinsamen Werten: Gerechtigkeit, Solidarität und der Einsatz für faire Arbeits- und Lebensbedingungen für alle Menschen. Diese Werte verbinden uns – in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft. Die feierlichen Begegnungen und Veranstaltungen anlässlich des Jubiläums sind Ausdruck der engen Verbundenheit und zugleich Auftakt für neue Impulse. Ein besonderer Höhepunkt war dabei die Feier zum 50. Jahrestag in Berlin, bei der das Partnerschaftsabkommen erneuert und die Hans-Böckler-Medaille an engagierte Gewerkschafter_innen aus Israel verliehen wurde. Sie stehen exemplarisch für den unermüdlichen Einsatz vieler Kolleg_innen, die diesen Austausch mit Leben gefüllt haben, oft über Jahrzehnte hinweg.
Mit dem ersten internationalen Fritz-Naphtali-Forum im Herbst 2025 in Tel Aviv sollen neue Formen der Zusammenarbeit entwickelt und die nächste Generation von Gewerkschafter_innen für Begegnung und Austausch gewonnen werden.
Rückblickend sehen wir: Schon kurz nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft begannen deutsche und israelische Gewerkschafter*innen, Brücken zu bauen. 1957 reiste die erste DGB-Delegation nach Israel – damals eine historische Geste. Heute sind gemeinsame Seminare, Workshops, Gedenkstättenbesuche und virtuelle Treffen ein fester Bestandteil unseres Austauschs.
Diese Partnerschaft ist nicht immer frei von Zweifeln und Herausforderungen gewesen. Aber dass heute offen auch über schwierige Themen gesprochen werden kann, ist Ausdruck ihrer Stärke. Der 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Abkommens ist Anlass, an die lange Geschichte der Zusammenarbeit zu erinnern – aber auch an ihre Kraft in der Gegenwart. Gerade heute, angesichts weltweiter Herausforderungen, braucht es solche starken Partnerschaften mehr denn je.

Partnerschaft und gesellschaftlicher Zusammenhalt: Das Engagement der Histadrut in arabischen Gemeinden
Die Histadrut setzt sich für die Belange der arabischen Bevölkerung ein, die über 20 Prozent der Israelis ausmacht – sowohl durch aktive Zusammenarbeit mit arabischen Gemeinden als auch durch die Unterstützung gesellschaftlicher Proteste gegen Gewalt und Vernachlässigung. In einer Zeit wachsender Spannungen und Herausforderungen zeigt sie sich als Kraft des Zusammenhalts und der Solidarität.
Ein starkes Zeichen setzte der Histadrut-Vorsitzender Arnon Bar-David bei einem Besuch der Region Galiläa: Gemeinsam mit führenden Vertretern der Gewerkschaft besuchte er die arabischen Städte Sakhnin und Shefa-Amr. Dort traf er sich mit Bürgermeistern, Arbeitnehmervertreter_innen und kommunalen Beschäftigten, um den Dialog zu vertiefen und die enge Partnerschaft zu bekräftigen. Die Region sei für die Histadrut ein strategisches Anliegen, so Bar-David: „Die Partnerschaft, die wir hier aufgebaut haben, ist ein Modell für die Einheit, die in der israelischen Gesellschaft möglich ist“, erklärte er. Begleitet wurde Bar-David von einer hochrangigen Delegation, darunter der stellvertretende Vorsitzende der Histadrut, Roy Yaakov, sowie der Vorsitzende der Zentralgaliläa-Region, Saeed Shalah. In Sakhnin lobte Bar-David die Arbeit der Beschäftigten und hob die Bedeutung eines inklusiven und gleichberechtigten Miteinanders hervor. Er betonte, dass er die arabische Gesellschaft und ihre Kommunen gut kenne und hoffe, „dass unsere Partnerschaft innerhalb der Histadrut den Weg für tiefere Verbindungen und echtes Zusammenleben ebnet.“
Die Histadrut engagiert sich nicht nur für die langfristige Zusammenarbeit mit arabischen Gemeinden, sondern auch im Kampf gegen aktuelle Missstände. So unterstützte sie eine landesweite Protestaktion, bei der Sozialarbeiter_innen auf die wachsende Gewalt in arabischen Städten aufmerksam machten. Anlass war ein Anschlag auf die Sozialamtsleiterin in Ar’ara, deren Auto und Haus beschossen worden waren.
Vertreter_innen aus dem Sozialwesen warfen der Regierung vor, die eskalierende Kriminalität in arabischen Gemeinden zu ignorieren und forderten ein umfassendes, gut ausgestattetes Maßnahmenpaket. Die Histadrut unterstützte die zweistündige Arbeitsniederlegung ausdrücklich und forderte besseren Schutz für Beschäftigte im öffentlichen Dienst.

Gesellschaft und Politik
Histadrut-Chef Arnon Bar-David: „Wir werden nicht schweigen, wenn die Demokratie zerfällt“
Inmitten wachsender Spannungen um mögliche Regierungsmaßnahmen, die Urteile des Obersten Gerichts missachten könnten, hat sich Arnon Bar-David, Vorsitzender der Histadrut, unmissverständlich positioniert: Die Histadrut sei keine apolitische Organisation – und sie werde keine Regierung unterstützen, die sich über das Gesetz stellt.
„Wenn die Regierung Gerichtsurteile ignoriert, dann überschreitet sie eine rote Linie. Dann haben wir keine Demokratie mehr“, erklärte Bar-David auf der Konferenz „People of the State“. Die aktuelle Situation in Israel beschrieb er als „verrückte Zeiten“, in denen tägliche Krisen und politisches Versagen das Vertrauen in den Staat erschüttern.
Besonders alarmierend sei die Möglichkeit, dass die Regierung ein Urteil des Obersten Gerichtshofs ignorieren könnte, in dem die Absetzung von Shin-Bet-Chef Ronen Bar für unrechtmäßig erklärt wurde. Bar steht dem Inlandsgeheimdienst vor, der für die Überwachung und Bekämpfung staatsfeindlicher Aktivitäten verantwortlich ist. Angesichts dieser Aufgabe spielt er eine Schlüsselrolle beim Schutz der demokratischen Ordnung in Israel. Ein solches Ignorieren eines Urteils würde nicht nur die Gewaltenteilung untergraben, sondern auch einen direkten Angriff auf die rechtsstaatlichen Grundlagen des Landes darstellen – eine rote Linie, die die Histadrut nicht hinnehmen werde.
Die Rolle der Histadrut sei seit ihrer Gründung eng mit dem Aufbau des Staates verbunden gewesen, und sie werde auch heute Verantwortung übernehmen: „Ich muss in den Spiegel schauen können und sagen: Ich habe das Richtige für das Land und die Wirtschaft getan. Wenn die Justiz geschwächt wird, leidet auch unser Ansehen in der Welt – Investoren ziehen sich zurück, unsere Kreditwürdigkeit sinkt.“
Bar-David machte deutlich, dass er auch vor drastischen Maßnahmen wie einem Generalstreik nicht zurückschrecken würde, sollte die Regierung rechtsstaatliche Grenzen überschreiten: „Ein Streik ist die letzte Kugel im Lauf – aber wenn die Regierung das Oberste Gericht ignoriert, bin ich bereit, sie abzufeuern.“
Bar David kritisierte auch Premierminister Netanyahu scharf: „Seit der Justizreform hat er mich verloren. Er hätte Verantwortung übernehmen müssen – stattdessen richtet er Schaden an.“ Die Aussagen von Finanzminister Bezalel Smotrich, man setze nur die eigene Ideologie um, ließ er nicht gelten: „Welche Ideologie? Die Gerichte angreifen, den Inlandsgeheimdienst schwächen, das Volk spalten? Das ist keine verantwortungsvolle Politik.“

Die klare Botschaft des Histadrut-Chefs lautet: Die Histadrut steht nicht neutral am Rand. Sie steht auf der Seite der Demokratie – und wird nicht zusehen, wie der Staat Israel demontiert wird.
Bring them home now – „Es gibt keine Unabhängigkeit, solange sie noch dort sind“
55 Geiseln, darunter mindestens 20 Lebende, befinden sich noch immer in den Händen von palästinensischen Terroristen in Gaza. Sie und ihre Familien gehen seit über anderthalb Jahren durch die Hölle. Wir müssen sie nach Hause bringen, jeder Tag zählt. Normalerweise ist der Unabhängigkeitstag Anlass für unzählige Partys im Land. Yarden Bibas, der im Februar endlich aus der Hamas-Gefangenschaft freigelassen und dessen Frau und zwei kleine Söhne in Gefangenschaft ermordet wurden, hat sich mit einem Post an alle Israelis gewandt: Darin hält der 35-Jährige einen Zettel mit den Worten „Es gibt keine Unabhängigkeit solange sie noch dort sind“ hoch. „Am 76. Unabhängigkeitstag Israels befand ich mich in einem Tunnel und hätte nicht gedacht, dass Israel inmitten eines Krieges und mit Geiseln in Gefangenschaft seinen Unabhängigkeitstag feiert“, schreibt Bibas auf Facebook und Instagram. „Jetzt, am 77. Unabhängigkeitstag, dauert der Krieg immer noch an, und es gibt immer noch Geiseln in Gefangenschaft – nur dass ich dieses Mal zu Hause bin. Dieses Jahr kann ich meine Unabhängigkeit nicht feiern, weil ich Brüder und Schwestern habe, die immer noch als Geiseln festgehalten werden, und mein Herz ist immer noch bei ihnen. Ich werde nicht heilen oder zur Ruhe kommen können, bis sie zurückkehren.“ Andere ehemalige Geiseln, darunter Arbel Yehoud, Shani Goren und Omer Wenkert, schlossen sich der Kampagne schnell mit Beiträgen an, auf denen sie Banner mit dem gleichen Slogan halten. Einav Zangauker, die Mutter von Matan Zangauker, der noch immer in Gaza gefangen gehalten wird, schloss sich der Aktion ebenfalls an und postete: „Das jüdische Volk hat keine Unabhängigkeit, solange sie dort sind. Wir müssen den Krieg beenden und eine Einigung erzielen, um sie alle zu befreien, damit wir wieder echte Unabhängigkeit spüren können.“
Die Forderung Zangaukers wird auch von der Histadrut unterstützt – nicht nur durch Begleitung der Geiselfamilien und öffentlichen Stellungnahmen, sondern auch durch einen eintägigen Generalstreik im vergangenen September, dessen Ziel es war, Druck auf die Regierung auszuüben, einem Geiseldeal zuzustimmen.

Gedenken und Vermächtnis
Große Verantwortung und wichtige Mission – Gemeinsames Gedenken in Bergen Belsen
Das Thema des diesjährigen nationalen Gedenktages an die Shoah und das jüdische Heldentum lautete: “Aus den Tiefen: Der Schmerz der Befreiung und das Wachsen. 80 Jahre Kapitulation von Nazideutschland”. Während in Israel wie jedes Jahr das ganze Land in Trauer gedachte, fand im ehemalige KZ Bergen Belsen eine ganz außergewöhnliche Gedenkveranstaltung statt. Vertreter_innen der Histadrut unter Leitung des Vorsitzenden des Histadrut-Bezirks Haifa, Moshe Mizrahi, stellten einen Gedenkstein zum Andenken an die jüdischen und nichtjüdischen Gewerkschafter_innen auf, die an diesem Ort des Grauens ermordet wurden. Als in Israel um genau 11:00 Uhr die Sirenen zum Gedenken an die sechs Millionen Ermordeten heulten und das ganze Land stillstand, standen auch die Kolleg_innen in Bergen Belsen still. “Das war ein ganz besonderer Moment“, soeine Teilnehmerin: „Noch nie war ich am Shoahtag in Deutschland, noch nie stand ich beim Aufheulen der Sirenen neben Deutschen. Diese Situation war nicht nur bewegend, sondern hat mich zum Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft und über unsere Verantwortung als Menschen angeregt”. Einige Tage später besuchte die Delegation erneut Bergen Belsen, diesmal um den offiziellen Gedenkfeiern anlässlich der Befreiung des Lagers vor genau 80 Jahren beizuwohnen. Neben Vertreter_innen aus Politik, deutschem und britischem Militär und dem Botschafter Israels, war es eine alte Dame, Magda Berz, die besondere Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Die 96-jährige ist Überlebende des Lagers und war auf dem Weg zur Befreiungsfeier, als sie die furchtbare Mitteilung erreichte, dass ihr geliebter Urenkel vor ein paar Stunden in den Kämpfen in Gaza gefallen war. Sie verstarb wenige Tage nach ihrer Rückkehr nach Israel.

Antisemitismus in Gewerkschaften – das gibt es tatsächlich
Während des UNI-Europa Gewerkschaftstages, der Ende März in Belfast stattfand und an dem rund 600 Delegierte aus 50 Ländern teilnahmen, wurden die 15 anwesenden Kolleg_innen der Histadrut als “Nazi-Abschaum” beschimpft. Es wurde lautstark deren Verbannung von der Konferenz und der Ausschluss der Histadrut aus der internationalen Gewerkschaftsbewegung gefordert. Avital Shapira, die über das Streben der Histadrut nach Frieden sprach, und an die gemeinsamen Projekte mit den palästinensischen Gewerkschaften vor dem 7. Oktober erinnerte, wurde in ihrer Rede mehrmals durch Schreichöre unterbrochen. Aufgebrachte Demonstranten riefen palästinensische Fahnen schwingend den Israelis zu “Ihr seid hier nicht erwünscht”. Es kam sogar beinahe zu physischer Gewalt, was dazu führte, dass die israelische Delegation unter Polizeischutz gestellt werden musste. Plakate, die den Histadrut-Vorsitzenden Arnon Bar David mit blutbeschmierten Händen zeigten, waren betitelt mit “Grüße von den Arbeitern Israels”. Ein weiteres Plakat zeigte eine Blutpfütze mit einem Davidstern, betitelt mit Histadrut.
Diese Vorkommnisse sind durch nichts zu rechtfertigen. Denn hier ging es nicht um Kritik an der israelischen Politik, sondern um puren Judenhass unter dem Deckmantel von antizionistischem Aktivismus.
Erstellt für die Histadrut von Micky Drill und Vladimir Gajic, FES-Israel

Ashes of the past
Responsibility at present
Commitment to the future